Wir kämpfen um unser Zuhause

Sie befürchten, dass sie verdrängt werden sollen: Der Mieterverein unterstützt Bewohner*innen eines Wohnkomplexes in Neuhausen, die seit Jahren in Sorge leben.

 

Ein Gebäude ohne Dach, extremer Lärm, eine immer wieder ausfallende Heizung: Die Mieter*innen in Neuhausen fühlen sich ausgeliefert. Hier mit der stellvertretenden Geschäftsführerin des Mietervereins, Monika Schmid-Balzert (re.).

Solch ein Lärm herrsche teils in ihrer Wohnung, dass sie mit ihrer Tochter selbst bei kalten Temperaturen in den Park flüchten müssten, erzählen Maria M. und Max A. „Unsere Kleine hat Angst, wenn wir teilweise bis zu 100 Dezibel in der Wohnung haben.“ Das ist eine Geräuschkulisse, die mit der in Diskotheken vergleichbar ist. Kein Ort, an den Eltern mit einem 16 Monate alten Kleinkind freiwillig gehen würden. Doch Maria M. und Max A. (siehe Foto unten re.) können nicht aus. Denn es ist ihr Zuhause, das für sie so unwohnlich geworden ist. „Wir haben das Gefühl, dass wir hier nicht mehr gewünscht sind“, sagen sie. Zusätzlich zum Lärm kommen Staub, Schimmel, Kälte in der Wohnung.

So wie ihnen geht es vielen ihrer Nachbar*innen des Gebäudekomplexes Landshuter Allee 55/Leonrodstraße 20 in Neuhausen. Die Mietenden haben das Gefühl, dass sie aus ihrem Zuhause verdrängt werden sollen. Das Gebäude wird modernisiert und aufgestockt. Die Bewohner*innen berichten von extremem Baulärm in einem Haus ohne Dach, immer wieder ausfallenden Heizungen, einem Wasserschaden, Schimmel, einem Aufzug, der wohl nicht mehr fahren soll. Geredet werde mit ihnen kaum, entstandene Schäden würden nicht behoben, sie würden immer wieder vor vollendete Tatsachen gestellt, berichten die Mieter*innen.

Monika Schmid-Balzert, stellvertretende Geschäftsführerin des DMB Mietervereins München, sieht eindeutige Anzeichen des Versuchs einer kalten Entmietung. Bei einer kalten Entmietung wird es den Mietenden so ungemütlich gemacht, dass sie letztendlich „freiwillig“ ausziehen. Ein häufiges Vorgehen auf dem überhitzten Immobilienmarkt in München. Und in diesem Fall auch wörtlich zu verstehen: „Denn in einem Haus ohne Dach zu leben in der kalten Jahreszeit, ist nicht nur für Familien mit kleinen Kindern eine Zumutung“, so Schmid-Balzert. Eigentümer*innen wollen Mietshäuser im Zuge von Sanierungen häufig leer bekommen. Denn leere Wohnungen bringen einen deutlich höheren Ertrag bei einem Verkauf als solche, in denen jemand lebt. Monika Schmid-Balzert: „Die Vermieter versuchen, mit der Keule durch das Haus zu gehen. Wir rufen die Mieterinnen und Mieter auf, sich zu wehren und vor allem, sich zu ihren Rechten beraten zu lassen.“

Seit Jahren fühlen sich Mietende von der Eigentümergesellschaft des Komplexes, der Neuhauser Heimstätte GmbH, unter Druck gesetzt. Die Gesellschaft gehört zum Firmengeflecht der Rock Capital und hatte das Haus 2014 gekauft. Danach begannen die Probleme und zahlreiche Auseinandersetzungen vor Gericht. Zuletzt war der Komplex in den Schlagzeilen, weil die Stadt München Ende 2024 vor Gericht das Recht zugesprochen bekam, ein Bußgeld gegen die Eigentümergesellschaft zu verhängen. Dies, weil sie seit Jahren 13 der 31 Wohnungen vor Ort leer stehen lässt. Die Stadt stellte insgesamt 60.000 Euro Zwangsgeld wegen Zweckentfremdung in Rechnung, also etwa 5.000 Euro pro Wohnung. Nachdem die Stadt ein weiteres Zwangsgeld von 180.000 Euro angedroht hatte, startete die Eigentümergesellschaft dann plötzlich mit den Modernisierungs- und Sanierungsarbeiten im Frühjahr 2025.

Die Eigentümergesellschaft weist den Vorwurf einer kalten Entmietung zurück. Dies ließ sie einen Vertreter bei einem Pressetermin des DMB Mietervereins München mit den betroffenen Mieter*innen verkünden. Die Sanierung des 60 Jahre alten Gebäudes sei dringend nötig, mit den Mieter*innen sei man in „intensivem Austausch“. Das sehen die Bewohner*innen des Hauses anders, mit denen der Mieterverein im Austausch ist. „Wir leben hier seit Jahren im Ausnahmezustand“, sagen sie. „Aber das hier ist unser Zuhause, teils schon seit Jahrzehnten. Wir wollen hier bleiben und lassen uns nicht verdrängen.“

 

Fotos: Lukas Barth-Tuttas

 
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