Zusammen ist man weniger allein

Münchner Mieten sind für junge Leute extrem hoch, gleichzeitig leben viele Ältere alleine in großen Wohnungen. Hier kommt das Angebot „Wohnen für Hilfe“ ins Spiel. Werner Blumenberg (99), Cecilia Crespo (25) und Lina Barajas (22) machen als Trio mit

Werner Blumenberg mit Cecilia Crespo (li.) und Lina Barajas
Werner Blumenberg mit Cecilia Crespo (li.) und Lina Barajas

Am 5. Dezember wird Werner Blumenberg wohl oder übel Aufhebens um seine Person machen müssen. Denn dann feiert der Münchner seinen 100. Geburtstag. Und neben seiner Familie und Freunden werden auch zwei junge Frauen mit Herrn Blumenberg anstoßen: Cecilia Crespo und Lina Barajas. Die beiden haben je ein Zimmer in Werner Blumenbergs Fünfzimmerwohnung in der Nähe des Luitpoldparks. Miete bezahlen müssen sie für ihre Unterkunft in Schwabing nicht. Dafür helfen Cecilia Crespo und Lina Barajas dem 99-Jährigen im Alltag. Räumen die Wohnung auf, putzen, kochen. Begleiten den alten Herren auf seinen Spaziergängen im Viertel.

Sie machen das gerne, sagen die beiden jungen Frauen. „Werner ist ein sehr netter Mensch, er ist wie ein Opa für uns“, sind sie sich einig. Wie eine kleine Familie seien sie mittlerweile. „Wir passen aufeinander auf.“ Die biologischen Familien der beiden wohnen weit entfernt: Cecilia Crespo stammt aus Bolivien, Lina Barajas aus Kolumbien.

„Es ist toll, junge Menschen hier zu haben”, so Blumenberg

2017 entschied sich Werner Blumenberg, beim Projekt „Wohnen für Hilfe“ des Seniorentreffs Neuhausen mitzumachen. Das Konzept: Ein älterer Mensch lässt einen jüngeren Menschen kostenlos oder kostengünstig bei sich in einem Zimmer wohnen. Pro Quadratmeter Wohnraum hilft der Studierende oder Azubi dem Senior monatlich eine Stunde bei täglichen Dingen. Bei einem ­15-Quadratmeter­-Zimmer wären das 15 Stunden Hilfe im Monat. Die jungen Menschen übernehmen dabei keine Pflegeleistungen.

Cecilia Crespo zog 2017 als Erste bei Werner Blumenberg ein, lebte in seiner Wohnung, ging dann für ein Jahr in eine andere Stadt – und kam doch wieder zurück. Es passte einfach. Heute studiert sie im zweiten Semester Technologie & Management an der TU. Lina Barajas stieß im Mai 2019 zu der kleinen Wohngemeinschaft. Sie macht derzeit ein Freiwilliges Soziales Jahr, will im Herbst mit dem Studienkolleg anfangen. Ein solches Kolleg bereitet Studienbewerber aus dem Ausland auf ein Studium in Deutschland vor.

„Ich muss Rücksicht nehmen auf die Ausbildung von Cecilia und Lina“, sagt Werner Blumenberg. Wohl auch ein Grund, warum es mit dem Gespann aus Jung und Alt so gut klappt. Die drei haben genau abgesteckt, was die Aufgaben der jungen Frauen sind. Für Werner Blumenberg ist klar: Seine Mitbewohnerinnen brauchen auch Zeit für sich. Der 99-Jährige findet: „Es ist toll, junge Menschen hier zu haben. Ich habe Unterhaltung und Hilfe, und die jungen Leute eine gute Unterkunft.“

Bei einem Krankenhausaufenthalt hörte Blumenberg von „Wohnen für Hilfe“

1960 hatte er mit seiner Familie die Eigentumswohnung in Schwabing bezogen, seine Tochter und sein Sohn wuchsen hier auf. Seit seine Frau Margarete vor 18 Jahren gestorben war, wohnte er alleine in den 125 ­Quadratmetern. Bei einem Krankenhausaufenthalt hörte er von „Wohnen für Hilfe“ – und entschied sich, es einmal zu probieren. Der Münchner ist in seinem Leben viel in der Welt herumgekommen. Gebürtig stammt er aus dem ehemaligen Hinterpommern, heute Polen. Dort betrieb seine Familie eine Buchhandlung und Buchdruckerei. Im Zweiten Weltkrieg kämpfte Blumenberg als Soldat, danach kam er nach München. Und blieb hängen.

Werner Blumenberg machte Karriere: Er wurde 1957 Direktor des Deutschen und später auch des Europäischen Patentamts in München. Seine gehobene Stellung ermöglichte ihm Erlebnisse, von denen viele seiner Zeitgenossen in den 1960er-Jahren nur träumen konnten. Jahrelang war er begeisterter Fluglehrer, zudem segelte er gerne mit seinem Boot auf dem Starnberger See. In der Türkei reiste er mit dem Wohnwagen genauso umher wie in Russland und der Sahara. „Bei Kriegsende hätte ich nie gedacht, dass ich so in der Welt rumkommen werde“, sagt er. Erinnerungen an seine Reisen schmücken heute seine Wohnung.

Und die Erlebnisse haben Werner Blumenberg tolerant gemacht. Er kann sich gut in seine Mitbewohnerinnen hineinfühlen. Ihre Familien leben tausende Kilometer entfernt. „Ich kann Werner alles erzählen: Wenn ich traurig bin, wenn ich glücklich bin. Er gibt mir Mut, dass ich hier in Deutschland vorankommen kann“, sagt Cecilia Crespo. Mit den drei Enkeln des fast Hundertjährigen verstehen sich die beiden jungen Frauen gut. „In Südamerika leben die Familien noch viel mehr zusammen. Wir beide mögen das sehr, dass wir auch hier jemanden haben“, sagen sie. Sie dürfen auch Freunde in die Wohnung einladen, dann wird viel gelacht und getanzt. Und auch Werner Blumenberg sagt meistens kurz Hallo.

Wohnen für Hilfe

Ins Leben gerufen wurde »Wohnen für Hilfe« in München 1996 vom Seniorentreff Neuhausen e.V. Von Beginn an bestand eine enge Zusammenarbeit mit dem Studentenwerk München. Der Seniorentreff vermittelt generationsübergreifende Wohnpartnerschaften. Die Jüngeren bekommen ein Zimmer – und helfen dafür den Älteren bei Dingen wie Einkaufen, Kochen oder Putzen. Ein Quadratmeter Wohnfläche entspricht dabei in etwa einer Stunde Hilfe im Monat. Meist bezahlen die jungen Leute nur die Nebenkosten in Form einer Pauschale, manche Senioren verzichten auch darauf. 87 Partnerschaften gebe es derzeit in München und Region, sagt Brigitte Tauer vom Seniorentreff. Die Mitarbeiter von »Wohnen für Hilfe« kümmern sich auch nach der Vermittlung. »Wir geben Tipps: etwa, dass der ältere und der junge Mensch am Anfang der Woche aufschreiben, was die Hilfe für die Woche umfasst«, sagt Tauer. Wer steuerliche Fragen zu »Wohnen für Hilfe« hat, sollte einen Steuerberater um eine kurze Einordnung bitten. Zwischen dem jungen und älteren Menschen werden Vereinbarungen zur Wohnraumüberlassung abgeschlossen. Als Wohnraumgeber können sowohl Eigentümer als auch Mieter mitmachen. Wer Mieter ist, sollte ähnlich wie bei einer Untervermietung seinen Vermieter informieren und
sich eine Genehmigung zur teilweisen Untervermietung einholen, sagt Anja Franz, Rechtsberaterin im Mieterverein. Auf diese hat einen Anspruch, wer ein berechtigtes Interesse an der Untervermietung hat. Ein solches berechtigtes Interesse wäre etwa, dass der Senior auf eine Hilfe im Haushalt angewiesen ist.

Text: Ramona Weise
Fotos: Philipp Gülland

 
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