Siegfried Lackner, Rentner

Herr Lackner, wie wohnen Sie? Ich wohne in einem Einzimmer-Appartement am Cosima-Park, ruhig, mit Balkon und einer sehr netten Hausgemeinschaft. Ich hatte unglaubliches Glück: Ich wohne seit 17 Jahren hier und es gab keine Mieterhöhung. Ich zahle für meine 38 Quadratmeter 500 Euro inklusive Nebenkosten, jetzt hat mir meine Vermieterin nur seit Januar die Nebenkosten um 50 Euro erhöht – also sind es 550 Euro für alles. Da ich mit Minijob nur rund 1.050 Euro Rente habe, bin ich heilfroh.

Was ist das für eine Vermieterin? Sie ist Einzeleigentümerin und hat das zur Geldanlage, inzwischen ist die Wohnung abgezahlt. Ich glaube, ihre Bekannten halten sie für ein bissl dumm, weil sie nicht das Maximum aus der Wohnung rausholt, aber sie sagt eben: Ein Vermieter muss doch nicht alles verlangen, was das Gesetz hergibt. Wir haben ein sehr gutes Verhältnis, wir gehen hin und wieder miteinander essen.

Wie sind Sie denn an diese Frau geraten? Ich habe selbst inseriert – und zwar buchstäblich im letzten Moment. Ich wohnte vorher zur Untermiete bei einem Freund, der hatte in Laim eine Wohnung der HEIMAG – und diese Wohnungen wurden alle kernsaniert oder sogar abgerissen, mein Freund bekam eine Ersatzwohnung, aber es war klar, dass ich raus muss. Ich habe ein Jahr lang gesucht, bestimmt 10 bis 15 Wohnungen im Monat angeschaut. Damals waren immer so 70 bis 100 Leute bei Besichtigungen – aber ich hatte keine Chance.

Ein Eigentümer sagte: „Ich suche einen Siemens-Manager mit 4.000 Mark netto, ohne Kinder, der selten daheim ist“

Warum nicht? Ich arbeitete als DJ in Hotels – ganz geregelt mit festem Arbeitsvertrag und als festangestellter Taxifahrer – aber für Vermieter galt ich offenbar als unseriös. Auch Krankenschwestern, Pfleger, Putzfrauen mit festem Job habe ich damals auf Besichtigungen viel getroffen – wir wurden alle extrem abwertend behandelt. Ein Eigentümer sagte mir damals direkt ins Gesicht: „Ich suche einen Siemens-Manager mit 4.000 Mark netto, ohne Kinder, der selten daheim ist.“ Vier Wochen, bevor ich raus musste, hatte ich aus Verzweiflung diese Blitz-Idee: Ich inseriere selbst, auch wenn es 70 Mark kostet.

Mit welchem Text? „Ruhiger Mieter mit unbefristeter Anstellung sucht ruhige Wohnung in kleiner Wohnanlage“. Ich arbeite ja nachts, da schlaf ich bis mittags. Drei Eigentümer meldeten sich – einer davon war meine jetzige Vermieterin. Wir waren uns gleich sympathisch und wissen Sie, was sie sagte, als ich ihr meinen Arbeitsvertrag und alles zeigen wollte?

Was? „Das interessiert mich nicht“. Sie hatte nämlich vor mir einen BMW-Ingenieur als Mieter, der 5.000 Mark netto verdiente, aber nach drei Monaten seine Miete nicht mehr zahlte, weil er offenbar völlig über seine Verhältnisse gelebt hatte. Deswegen sagte sie zu mir: „Zahlen Sie einfach pünktlich Ihre Miete und wir haben beide dauerhaft etwas davon.“ Und so ist es seitdem auch.

Das klingt paradiesisch. Ja. Allerdings hatte ich davor jahrelang Ärger mit Vermietern und war deswegen Stammgast beim Mieterverein. Eingetreten bin ich 1975, ich war Anfang 20. Damals hatte ich meine erste Wohnung, ein möbliertes Appartement in der Destouchestraße. Drei Jahre hatte ich bei meiner Tante gewohnt und etwas Bezahlbares gesucht. Als der Fernseher, der beim Mobiliar dabei war, kaputt ging, wollte der Vermieter 800 Mark von mir – für mich unbezahlbar, außerdem war das nicht rechtens. Der Mieterverein hat das für mich geregelt.

Wann sind Sie das nächste Mal beim Mieterverein aufgekreuzt? Drei Jahre später. Ich wohnte in einer Wohnung in der Rüthlingstraße, 450 Mark für 45 Quadratmeter. Da wurde ich wegen Eigenbedarf gekündigt. Der Vermieter, ein Steuerberater aus Wasserburg, wollte 6 Monate lang eine Fortbildung in München machen – für die er einmal pro Woche seine Wohnung nutzen wollte. Der Mieterverein erklärte mir, dass das keine ausreichende Grundlage für eine Eigenbedarfskündigung ist, aber ich wollte damals keinen Ärger und zog aus. In ein 17-Quadratmeter-Zimmer in der Augustenstraße, auch für 450 Mark. Der Rechtsberater vom Mieterverein gab mir aber den Tipp: Beobachten Sie Ihre alte Wohnung und wenn der Vermieter da nicht einzieht, dann melden Sie sich wieder. Und so war es: Nach kurzer Zeit war ein ganz anderer Name an der Tür. Der Mieterverein hat also die Eigenbedarfskündigung angefochten und ich konnte dann tatsächlich wieder in die alte Wohnung einziehen. Danach war Ruhe, bis ich ausgezogen bin, um mit einer Freundin zusammenzuziehen. Später hatte ich dann wieder Ärger in der Schleißheimerstraße mit einer wirklich unseriösen Hausverwaltung.

„Ich bin halt wieder zum Mieterverein – und hab nichts gezahlt“

Was war da? Ständig sollten wir irgendwelche Reparatur-Umlagen bezahlen. Zum Beispiel war einmal der Aufzug kaputt, und es sollte jeder Mieter 1.200 Mark zahlen – dabei darf so eine Reparatur ja gar nicht umgelegt werden. Aber ich weiß, dass damals viele im Haus das einfach bezahlt haben, weil Sie Angst um ihre Wohnung hatten. Ich bin halt wieder zum Mieterverein – und hab nichts gezahlt.

Glauben Sie, dass die Zeiten für Mieter in den letzten 40 Jahren härter geworden sind? Mein erstes Appartement kostete 300 Mark kalt, damals habe ich 1.000 Mark verdient. Das heißt, mit Nebenkosten und Strom waren rund 40 Prozent vom Einkommen weg – das war 1975. Und schon damals gab es Entmietungen in dieser Stadt und manche Vermieter arbeiteten mit Einschüchterung. Allerdings sehe ich auch, dass heute bei vielen Freunden rund 50 Prozent oder mehr weg sind. Wohnen ist das zentrale Thema für alle. Ich habe nun ja seit 17 Jahren dieses Glück mit meiner Vermieterin. Aber mir ist klar: Mit meiner kleinen Rente würde ich auf dem freien Markt nichts anderes finden, das ich bezahlen kann. Deswegen kann ich gar nicht oft genug sagen, wie froh ich über meine anständige Vermieterin bin.

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