Gentrifizierung: Bleiben oder gehen?

Eingesperrt in der eigenen Wohnung: Seit mehr als zehn Jahren leben Sabrina und Sebastian Behrendt einer 71m2-Wohnung in Laim. Nette Nachbarn, gute Lage – die Familie fühlt sich wohl. Wäre da nicht das Platzproblem.

Frau Behrendt, wie wohnen Sie?
Zusammen mit meinem Mann Sebastian und meiner zweieinhalbjährigen Tochter Evelyn in Laim auf 71 Quadratmetern. Wir zahlen 900 Euro kalt für zweieinhalb Zimmer. Das sind 1.050 Euro plus Stromkosten.

Wie lange wohnen Sie schon dort?
Zehn Jahre. Ich komme aus Geretsried, habe aber in Hannover studiert und dort meinen Mann kennengelernt. Wir haben gesagt, dass wir dorthin ziehen, wo der erste einen Job findet. Das war München. Damals hatten wir ein Arbeitszimmer, das ist inzwischen das Kinderzimmer. Den Schreibtisch haben wir ins Schlafzimmer gestellt, da schreibe ich zurzeit meine Masterarbeit. Das Kinderzimmer hat sieben Quadratmeter. Da Evelyn noch ein wenig zu klein für ein Hochbett ist, schläft sie bei uns.

Ist die Wohnung zu klein?
Mit einem Kind geht es. Ich habe mich in die Wohnung verliebt, auch wenn ich nie gedacht hätte, dass wir so lange hier bleiben. Die Anlage ist ein Karree mit schönem Innenhof und Spielplatz. Es gibt ein paar Familien, und wir Eltern helfen uns gegenseitig. Eigentlich ist es perfekt.

„Wenn wir aus dieser Wohnung ausziehen, müssen wir weg aus München.“

Aber?
Mit zwei Kindern wäre es sehr eng. Wir haben uns im Viertel auch schon nach einer größeren Wohnung umgesehen. Aber das wäre zu teuer. In einem der Häuser im Block wurde das Dach ausgebaut, da wohnt jetzt eine Familie mit drei Kindern. Sie zahlen 2.000 Euro. Neben uns wurde eine 3,5-Zimmer-Wohnung frei – für 1.600 Euro kalt. Da hätten wir zwölf Quadratmeter mehr und würden aber 700 Euro mehr zahlen als jetzt. Ich werde nur Teilzeit arbeiten können, und das ist dann kein Verhältnis mehr. Wir könnten das zahlen, uns dann aber sonst nichts mehr leisten.

Was heißt das für Sie?
Das heißt: Wenn wir aus dieser Wohnung ausziehen, müssen wir weg aus München. Das ist kein schönes Gefühl. Weil wir uns ja hier wohlfühlen.

Wie wichtig ist Ihnen eine schöne, große Wohnung?
Wir wollen nicht nur für die Miete arbeiten. Ich brauche keine sanierte Altbauwohnung, wenn ich mir dann nichts mehr leisten kann. Das Problem an München ist: Wer mehr zahlt, kriegt dafür aber gar nicht mehr. Die Preise sind so schnell gestiegen, dass Ausziehen sich im Grunde nie lohnt.

Experten nennen das das Lock-In-Effekt: Eingesperrt in der eigenen Wohnung.
Ja, das ist schon so. Und wir jammern auf hohem Niveau. Mein Mann hat bei einer Unternehmensberatung einen guten Job, unsere Miete ist günstig. Aber auch wir bleiben, solange es geht. Wir wollen irgendwann ein zweites Kind und haben schon überlegt, ob wir dann in das kleine Zimmer unser Schlafzimmer machen – das bestünde dann nur aus Bett. Freunden von uns mit zwei Kindern geht es genauso: Sie bleiben, denn sie wissen, dass sie nichts anderes finden.

Was haben Sie für einen Vermieter?
Als wir einzogen sind, gehörten alle Wohnungen der Patrizia. Da gab es schon vor dem Einzug Probleme mit Handwerkern. Deshalb traten wir damals in den Mieterverein ein. Später hat die Patrizia verkauft, wir haben jetzt eine private Vermieterin, der auch noch andere Wohnungen im Haus gehören. Wir haben uns noch ein paar Mal beraten lassen, weil die Fugen im Bad undicht waren – ein Baufehler aus Patrizia-Zeiten. Später wurde eine Zentralheizung eingebaut, das war ziemlich aufwendig. Damals sind fast alle Familien ausgezogen, weil sie die Baustelle nicht mitmachen wollten. Die neuen Mieter sind meist Doppelverdiener ohne Kinder.

Wie hat sich Ihr Viertel verändert, seit Sie dort wohnen?
Als wir 2007 mit Mitte 20 hierhergezogen sind, haben alle gesagt: Was wollt ihr denn in Laim? Heute ist das eine begehrte Gegend, die S-Bahn-Station Hirschgarten kam neu dazu, und man merkt, dass es hier richtig voll geworden ist. Wer neu zuzieht, zahlt viel und muss deswegen auch viel verdienen.

„Man hat das Gefühl, dass nur noch die Reichen übrig bleiben werden.“

Was glauben Sie: Werden Sie in München bleiben?
Ich habe nicht das Gefühl, dass wir mit 60 noch hier sein werden. Man hat immer im Hinterkopf: Wie lange geht das noch? Auch im Freundeskreis dreht sich immer mehr ums Thema Wohnen. Kommt eine Mieterhöhung? Was ist, wenn man raus muss? Wer sich trennt, hat keine Chance mehr. Man hat das Gefühl, dass nur noch die Reichen übrig bleiben werden. Das wäre schlimm für München.

Sie als junge Familie sollen ja jetzt von der CSU gefördert werden. Sie bekommen Familiengeld und könnten auch Baukindergeld beantragen.
Eine Immobilie zu kaufen, kommt nicht infrage. Bei den astronomischen Preisen würden wir das niemals abzahlen können. Sogar, wenn ich Vollzeit arbeiten würde. Das Baukindergeld bringt uns als Mittelschicht da gar nichts. Und obwohl wir Familiengeld kriegen, finde ich das unsinnig: Dass der Chefarzt die gleiche Summe bekommt wie die Verkäuferin. Ich dachte mir nur: Behaltet doch das Geld und steckt es in die Kitas. Und wo sollen die Erzieherinnen eigentlich wohnen bei den Mieten?

Was planen Sie für die Zukunft?
Zukunft? Ich mache gerade meine Masterarbeit, bis März bin ich noch Studentin, dank eines Stipendiums geht das ganz gut. Zurzeit bewerbe ich mich. Auch außerhalb Münchens, zum Beispiel in Rosenheim und Wasserburg. Da mein Mann sein Büro am Hauptbahnhof hat und eh viel unterwegs ist, könnte er ganz gut pendeln. Jetzt geht Evelyn noch zur Tagesmutter, aber sie kommt nächstes Jahr in den Kindergarten. Wenn ich einen Job finde, wäre es ein idealer Moment, um wegzuziehen. Aber eigentlich wollen wir ja gar nicht weg.

 

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